Tag 14 Der Weg Zurück

Wir verladen etwas mehr an Gepäck in den Kofferraum unseres Taxis, das uns zum Flughafen fährt, als wir von zuhause mitbrachten. Für Familie und Freunde „krömlete“ Leah feine Seidentücher, Blusen aus farbigen, fein gemusterten Stoffen. Für die Jungs kauften wir aus Holz gefertigte Tuck-Tuck. Leah bringt ein indisches Harmonium nach Sisikon. Das Instrument wird einhändig gespielt, da die Rechte den Blasebalg bedient, entsteht ein eigener Puls beim Singen. Mensch und Harmonium scheinen gemeinsam zu atmen, eine ideale Voraussetzung beim Singen indischer Mantras. Meine Sitar hinterlässt in ihrem knallroten, riesigen Koffer den Eindruck von etwas sehr Wichtigem. Das Meisterstück ist mit feinen Intarsien versehen, kleine weisse, rankende Blumen, die mich vom ersten Augenblick an, an die Edelweiss-Verzierungen eines Schwyzerörgeli erinnerten, ist gut gerüstet für den Flug. Die neue Tanpura von Leah wird als Handgepäck ins Flugzeug genommeninstrumente.

 Das erinnert mich an eine Szene eines indisch Films, indem der Sohn seine Mutter während des Fluges „durchfüttern“ musste, da sie eine Tampura zwischen den Beinen, nicht in der Lage war, den Tabletthalter des Flugzeugsitzes herunterzuklappen. Typisch scheint mir, dass die indische Mutter sich schicksalshaft darin schickte, ihr indo-amerikanischer Sohn das aber als sehr peinlich empfand. Wir konnten unsere Tampura quer, unseren Sitzen entlang ablegen, sonst es wäre mir wohl wie dem jungen indo-amerikaner ergangen.

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Montage: Symbolbilder aus dem Internet

Auf der Fahrt zum Flughafen sah ich nochmals im vorbeiflitzen einen nur mit Lendenschurz bekleideten Meditierenden. Er sass oft seelenruhig auf der Betonschranke die mehrere Fahrbahnen trennt, den Blick in die Ferne gerichtet. Bei uns Zuhause, würde er als suizidgefährdet in eine psychiatrische Universitätsklinik eingewiesen. Wahrscheinlich würde er danach in seiner Zelle, auf seinem Bett sitzend, lächeln und sich kurz wundern, was für eigenartigen Menschen er kürzlich begegnet sei. In Anbetracht des aggressiven Verkehrsverhaltes bei uns, wäre ihm eine suizidale Absicht wohl leicht zu unterstellen. Dass die Menschen in Indien auf den Konsum von Fleisch, Alkohol und Tabak verzichten, viele täglich Rituale oder Meditationen durchführen, lässt sie selbst im grössten Gedränge, ruhig und gelassen erscheinen.

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Symbolbilder aus dem Internet

Das Warten auf den Weiterflug in Delhi war währen vier Stunden voller Betriebsamkeit und keineswegs langweilig. Die Checkin-Counter in einer unglaublich langen Halle sind zwischen A bis O durchgezählt. Auf Hinweistafeln steht denn auch: „Counter A to E, 10-15 Minutes“, gemeint ist der Fussmarsch, hoffentlich mit Gepäck gerechnet. Angekommen am Checkin-Counter „J“ waren wir etwas zu früh, was uns ein herrliches Schauspiel einbrachte. Der gesamte Counter, die langen Warteschlangen und alle Bildschirme waren von der Fluggesellschaft „Emirates“ belegt. In den nun folgenden 5 Minuten vollzog sich eine Metamorphose die wie ein eingeübtes Ballett abgewickelt wurde. Adrett gekleidete Inder montierten sich Krawattennadeln mit Schweizerkreuz. Schöne Inderinnen legten sich rot-weisse Seidenschals um den Hals. Auf den Pfosten der langen Warteschlangen-Abgrenzungen wurden die Werbekartons mit Bildern von Matterhorn und Kühen ausgewechselt. Die ganze Reihe von Bildschirmen flackerte im Swiss-Brain, Fahnenschwinger, Jungfraujoch, die Kapellbrücke und das Jazz-Festival von Montreux berieselten die Wartenden. Ein von mir gedrehtes Performance-Video hätte wahrscheinlich einen Unterstützungs-Beitrag von Pro Helvetia bekommen, der „Metamorphe Kaspar Fischer-Preis“ wäre mir zugestanden worden.

Bald entstand ein sonderbarer kleiner Umzug zwischen dem Counter-J und der Aufgabestelle für fragile Güter. Unser Harmonium und die Sitar, wurden von einem jungen Mann auf einem Rollwagen geschoben. Links und rechts des Sitarkoffers wandelte je eine schöne Inderin, als trüge sie in afrikanischer Manier Wasser auf dem Kopf, mit schlendernden Hüften und eleganten Schritten durch die Halle. Wir folgten dem an eine Überführung englischer Kronjuwelen mahnenden Zug, bis unsere Instrumente von Hand weiter verladen wurden.

sitar

Zuhause angekommen verbreitete sich der Duft feinen Räucherwerks, unsere Sammlung an Instrumenten breitet sich in unserem Wohnzimmer aus.

doesli

Ein kleines Geschenk von Deobrat wird einen Ehrenplatz auf meinem „Musiktischchen“ bekommen. Das kleine silberne Döschen, gefüllt mit Kokusöl getränkter Watte, dient dazu, die Fingerspitzen einzuölen. Die Finger gleiten beim Spielen der Sitar schnell über die harten Stahlseiten.  Ich freue mich darauf, zu erleben, wie sich indische Musik in unserem Haus entwickelt. Hoffentlich schaffen wir es auch, etwas von der indischen Gelassenheit und Spiritualität beizubehalten, wenn der Alltag uns wieder eingeholt hat.

Bemerkenswerte Begegnungen


- Die letzte bemerkenswerte Begegnung dieser Reise möchte ich all denen widmen, die so herzlich und meist mit offenem Blick auf uns zukamen. Solche Menschen trafen wir in den kleinen Gassen, auf Flughäfen in der Musikschule oder auch auf den "Gats", den Treppen zum Ganges.

am ganges

Der Händler mit den Ketten, war die ersten beiden Treffen extrem aufsässig, aber immer auch witzig, um uns seine Ketten zu verkaufen. Beim dritten Zusammentreffen kamen wir in ein herzliches Gespräch, er lud uns zu einem "Chai" beim Sonnenuntergang ein. Die Kinder waren sich nicht sicher, ob die kleinen Blumenschalen mit brennender Butter unsere Wünsche auch erfüllen, wenn wir sie nicht auf dem Ganges schwimmen lassen, sondern neben uns abbrennen liessen. Mein Blumenschälchen Wunsch ist aber bereits in Erfüllung gegangen.

Danke an Alle die sich an unserem Blog erfreuen konnten.

Sisikon, 29. April 2015, Albert und Leah


PS: Leah meint:

Ich danke dem grossen Geist, dass wir gesund und munter wieder zuhause gelandet sind!